Augen

Newsletter 3/18

Inhalt

1. Editorial
2. Psychiatriemuseen auf dem DGPPN-Kongress
3. Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus
4. Leipziger Arbeitsanstalt während des Nationalsozialismus
5. Termine und Informationen
6. Buchempfehlungen
7. Ihre Unterstützung
8. Abonnement und Kontakt
9. Impressum

1. Editorial

Liebe Freundinnen und Freunde des Sächsischen Psychiatriemuseums,
zum Jahresabschluss erhalten Sie unseren neuen Newsletter mit einem Blick auf die erfolgreiche Präsentation der Psychiatriemuseen auf dem DGPPN-Kongress und einem Ausblick auf die Aktivitäten im ersten Quartal des nächsten Jahres.
Ich würde mich freuen, wenn Sie sich die bevorstehenden Termine vormerken und eine der Veranstaltungen oder unser Museum besuchen. In der Termin-Rubrik finden Sie unsere Öffnungszeiten zum Jahreswechsel.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in das neue Jahr und für 2019 alles Gute.
Ihr Thomas R. Müller Sächsisches Psychiatriemuseum

2. Psychiatriemuseen auf dem DGPPN-Kongress

Wie im letzten Newsletter angekündigt, waren die deutschsprachigen Psychiatriemuseen mit einer Ausstellung und einem Symposium auf dem diesjährigen DGPPN-Kongress vom 28. November bis 1. Dezember 2018 in Berlin vertreten.
An der Ausstellung beteiligten sich 19 Museen mit Tafel, Fotografien und einem speziellen Ausstellungsstück. Die Präsentation fand bei den Kongressteilnehmern eine gute Resonanz.
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Die Besucher informierten sich über das Profil und die Schwerpunkte der Museen und zeigten sich von ihrer Vielfalt überrascht.
Die unterschiedlichen Ansätze und Schwerpunkte der Museen verdeutlichten auch die Vorträge auf dem Kongress-Symposium »Psychiatrie museal: vier Versuche, die Seele zu OBJEKTivieren«.
Im Anschluss kamen die Vertreter der Museen zu einem Arbeitstreffen zusammen. Dort wurde beschlossen, den Austausch von Informationen und Aktivitäten zu intensivieren. Gedankt wurde Rolf Brüggemann (MuSeele, Göppingen) und Thomas Müller (Ravensburg) für die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung und des Symposiums.
Die Ausstellung ist ab 14, März 2019 in Düren zu sehen. Interessenten, die die Ausstellung leihweise übernehmen möchten, melden sich bitte bei Rolf Brüggemann: info@museele.de

3. Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

Zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019 wird im Leipziger Rathaus die Ausstellung »Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus« eröffnet. Die Ausstellung der DGPPN ist vom 22. Januar bis 5. Februar in der Unteren Wandelhalle des Neuen Rathauses zu besichtigen. Zur Eröffnung wird u.a. ein Schüler-Filmprojekt zu den »Euthanasie«-Verbrechen an Insassen der Leipziger Arbeitsanstalt vorgestellt. Im Anschluss findet ein Symposium zum Thema »Europäisches Gedenken an die NS-›Euthanasie‹-Verbrechen und Herausforderungen für die Gegenwart« statt.
Im Begleitprogramm widmen sich weitere Veranstaltungen diesem Thema.
Am 28. Januar wird im Rahmen eines Film-Seminars in der Kinobar Prager Frühling der NS-Propaganda-Film »Ich klage« (Regie:, Deutschland 1941) gezeigt. Zur Einführung spricht u.a. der Leipziger Publizist und Filmkritiker Fred Gehler.
Am 29. Januar liest die Autorin Cornelia Lotter aus ihrem historischen Roman »Birkensommer«, der sich mit der »Euthanasie«-Thematik auseinandersetzt.
Weiterhin sind Führungen für Schüler durch die Ausstellung und ein Vortrag von Thomas Seyde zu den »Euthanasie«-Verbrechen in Leipzig geplant.

4. Leipziger Arbeitsanstalt während des Nationalsozialismus

Auf Beschluss des Leipziger Stadtrats soll auf dem Gelände der früheren Leipziger Arbeitsanstalt in der Riebeckstraße 63 einen Gedenkort entstehen, der an die hundertjährige Geschichte dieses Gebäudekomplexes seit der Gründung 1891 als Zwangsarbeitsanstalt bis zu den Initiativen der Enthospitalisierung der Bewohner in den 1990-er Jahren erinnert.
Dazu hat sich unter der Regie des Gesundheitsamtes der Stadt Leipzig eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich neben der Aufarbeitung der Geschichte und der Entwicklung eines Gedenkkonzeptes auch mit der zukünftigen Nutzung des Areals beschäftigt.
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Als erster Schritt wird am 15. und 16. März 2019 ein Symposium stattfinden, das sich dem aktuellen Forschungsstand einerseits widmet und Ideen für ein zukünftiges Gestaltungskonzept als Gedenk- und Lernort diskutiert.
Nähere Informationen zum Programm im nächsten Newsletter.

5. Termine

Öffnungszeiten des Sächsischen Psychiatriemuseums zum Jahreswechsel
Do 27.12.2018 13–18 Uhr
Fr 28.12.2018 13–18 Uhr
Sa 29.12.2018 13–18 Uhr
Mi 02.01.2019 13–18 Uhr
Do 03.01.2019 13–18 Uhr
Fr 04.01.2019 13–18 Uhr
Sa 05.01.2019 13–18 Uhr


27. Januar 2019
Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
11 Uhr Gedenkstätte Abtnaundorf
12:30 Uhr Eröffnung der Ausstellung »Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus« der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)
Einführung: Prof. Steffi Riedel-Heller (Uni Leipzig, DGPPN)
14:30–18:30 Uhr
Symposium »Europäisches Gedenken an die NS-›Euthanasie‹-Verbrechen und Herausforderungen für die Gegenwart«
u.a. mit Beiträgen zu Aufarbeitung und Gedenken in Kosmonosy, Tschechische Republik (Dr. Simonek), zur Kooperation mit tschechischen Institutionen für das Opfer-Gedenkbuch in Sachsen (Dr. Boris Böhm) und zu Lehren aus der Vergangenheit für die aktuelle Versorgung aus Sicht der Fachgesellschaft DGPPN (Prof. Katarina Stengler)


Begleitprogramm zur Ausstellung
28. Januar 2019, 17 bis 20 Uhr, Kinobar Prager Frühling
Film-Seminar »NS-Propaganda im Film«
»Ich klage an« (Regie: Wolfgang Liebeneiner, D 1941)
Einführung: Fred Gehler und anschließende Diskussion mit einem Psychiatriehistoriker N.N.
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In dem 1941 uraufgeführten Film »Ich klage an« geht es auf der Oberfläche um das Drama einer an einer unheilbaren Krankheit leidenden Frau und ihre Bitte nach Sterbehilfe. Doch die emotionale Geschichte dieses Propagandafilms sollte die Bevölkerung auf die nationalsozialistische Mordaktion an behinderten und psychisch erkrankten Menschen vorbereiten, die unter dem verschleiernden Begriff der »Euthanasie« durchgeführt wurde.
Über die Hintergründe informieren und diskutieren der Publizist und Filmkritiker Fred Gehler und ein Psychiatriehistoriker.
(Eine Veranstaltung in Kooperation der Stadt Leipzig, des Sächsischen Psychiatriemuseums und der Kinobar Prager Frühling mit freundlicher Unterstützung der Murnau-Stiftung)
29. Januar 2019, 18 Uhr, Neues Rathaus
Cornelia Lotter: Birkensommer
Lesung aus dem historischen Roman zur »Euthanasie«
31. Januar 2019, 18 Uhr, Neues Rathaus
Thomas Seyde: Aufarbeitung, Erinnerung und Gedenken in Leipzig
Vortrag


31. Januar 2019, 14-16 Uhr, Sächsisches Psychiatriemuseum
Selbsthilfe im Kontext von psychischer Krankheit und Behinderung Posterpräsentationen und Ausstellung
Studierende der Hochschule Merseburg (HoMe) stellen Erstsemesterprojekte vor.


15. und 16. März 2019 in Leipzig
Symposium zur Geschichte des Gebäudekomplexes in der Riebeckstraße 63
Programm in Planung


21. bis 24. März 2019
Leipziger Buchmesse
Veranstaltungen im Sächsischen Psychiatriemuseum
21. März, 10–12 Uhr
Zwischen Genie und Wahnsinn. Dichter und Denker in Leipzig
Psychiatriegeschichtliche Stadtführung
21. März, 19:30 Uhr
Christiane Tramitz: Die Schwestern von Marzahn - Vom Leben ganz unten
(Ludwig Verlag)
In Planung
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22. März, 19:30 Uhr Achim Haug: Reisen in die Welt des Wahns
(C.H. Beck) In Planung
23. März
18–20 Uhr
Einmalige Präsentation: Künstlerbücher aus zwei Jahrzehnten
Kunstgruppe des Durchblick e.V.


14. März bis 9. Mai 2019
Ausstellung »Verortungen der Seele«
Psychiatriemuseen
»Haus 5« (altes Bewahrungshaus) der LVR-Klinik Düren


11. Mai 2019
Leipziger Museumsnacht
Programm in der Planung

6. Buchempfehlungen

Die Geschichte der gelben Häuser. 125 Jahre Sächsisches Krankenhaus Rodewisch
Herausgeber: Sächsisches Krankenhaus Rodewisch, 2018
Vor 125 Jahren wurde die »Königlich Sächsische Landes-, Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke zu Untergöltzsch« gegründet. Aus Anlass dieses Jubiläums hat das heutige Sächsische Krankenhaus Rodewisch unter dem Titel »Die Geschichte der gelben Häuser« eine umfangreiche Publikation herausgebracht. Maria Rank und Kerstin Eisenschmidt stellen die Geschichte der Institution von den Planungen zu Errichtung der neuen Anstalt bis in die Gegenwart dar. Dafür haben die Autorinnen vielfältige Quellen recherchiert. Neben den im Haus vorhandenen Dokumenten wurden Archivakten herangezogen, finden sich zeitgenössische Berichte und Zeitungsartikel und Erinnerungen von Mitarbeitern. Durch Zitate aus den Quellen, Reproduktionen von Dokumenten und die zahlreichen Fotos bietet das Buch ein vielschichtiges Bild der Entwicklung dieser Institution.
Zu erfahren ist zunächst, dass aufgrund des wachsenden Bedarfs an Betten und der bis dahin schlechten Versorgung im Südwesten Sachsens die Anstalt 1893 in dreijähriger Bauzeit im Pavillonstil nach dem Prinzip des kolonialen Systems errichtet wurde. Um eine »freie Verpflegung« zu ermöglichen, verzichtete man auf die Umzäunung des Geländes und versuchte statt der Verwahrung der Patienten mit Milieu-, Beschäftigungs- und
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Arbeitstherapien der Charakter einer auf Heilung und Pflege der »Geisteskranken« ausgerichteten Anstalt gerecht zu werden. Auch in Rodewisch erschwerten die ständig steigender Patientenzahlen die hoffnungsvollen therapeutischen Ansätze und machten eine Erweiterung der Anstalt erforderlich. Im 1. Weltkrieg nahm die Sterblichkeit unter den Anstaltspatienten ein erschreckendes Ausmaß an. 1917 wurde die Anstalt in ein Reservelazarett umgewandelt und die Patienten auf andere Anstalten verteilt. Nach der Wiedereröffnung im Jahr 1920 gewann das Verwahrprinzip aufgrund der Überfüllung der Anstalt und fehlender finanzieller Mittel die Oberhand.
Im Kapitel, das sich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt, offenbart die Darstellung leider einige Schwächen. Statt die aktive Mitwirkung der Psychiatrie an den Verbrechen der Zwangssterilisation und »Euthanasie« deutlich zu benennen, bleiben die Aussagen häufig im Ungefähren. Zwar wird aus der 2002 erschienenen Dissertation von Christine Wagner zitiert und damit zahlreiche Fakten und Einzelschicksale benannt. Doch die Forschung ist nicht stehen geblieben und Nachfragen, u.a. bei der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, die seit Jahren an einem Gedenkbuch für die Opfer der NS-Krankenmorde arbeitet, hätten sicher weitere Informationen zum Schicksal der mit Sammeltransporten in andere Einrichtungen verlegten Rodewischer Patienten gebracht. (Siehe S. 95)
In der Darstellung der Zeit nach 1955 nehmen das Internationale Symposium über psychiatrische Rehabilitation (1963) und das Wirken des damaligen Direktors Dr. Rolf Walther zu Recht einen besonderen Raum ein. Walther hatte 1955 seine Direktorenstelle mit dem Ziel angetreten, das nach 1945 weiter bestehende Schwergewicht auf der Pflege und Verwahrung der Patienten zu durchbrechen und mit dem Konzept einer »komplexen psychiatrischen Therapie« die Anstalt in ein modernes Fachkrankenhaus umzugestalten. Dies erklärt die Wahl von Rodewisch als Veranstaltungsort für das Symposium. In dessen Ergebnis wurden die »Rodewischer Thesen« verabschiedet, die eine umfassende berufliche, soziale und gesellschaftliche Rehabilitation für Menschen mit psychischen Erkrankungen forderten.
Dass sich die Rodewischer Thesen nicht flächendeckend durchsetzen konnten, lag offensichtlich an den Vorbehalten der konservativen Psychiatrie und dem Desinteresse der Universitätspsychiatrie. Symptomatisch dafür ist, dass es, wie Dokumente im Buch belegen, für den geplante Kongressband nur 105 Bestellungen gab, und die Publikation aus diesem Grund nicht zustande kam.
Eine der Konsequenzen, die sich aus der Förderung und Rehabilitation der Patienten ableiten musste, war der Abbau der Langzeitbereiche in den Kliniken. Für Rodewisch gibt das Buch kein einheitliches Bild. Während lt. einer Statistik – leider ohne Quellenangabe – die Zahl der Patienten mit einer Verweildauer länger als 500 Tage für 1970 auf 5 % sank, ist einige Seiten weiter zu lesen, dass noch im Jahr 1989 etwa 2/3 der Bettenkapazität auf die Langzeitstationen entfiel. Eindrücklich ist der Bericht eines ehemaligen Pflegers, der die Zustände auf einer Männerstation in den 1980er Jahren als katastrophal bezeichnet.
Vor diesem Hintergrund gehörte die Enthospitalisierung in den 1990er Jahren zu den vordringlichsten, aber auch schwierigsten Aufgaben des Krankenhauses, das 1991 in Landesträgerschaft übergegangen war. Neben der notwendigen Umstrukturierung und Neuprofilierung bildete die Einrichtung des Maßregelvollzugs einer besondere
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Herausforderung, die von der Klinik mit einer bis heute notwendigen »offensiven Öffentlichkeitsarbeit« angenommen wird.
Das Buch »Die Geschichte der gelben Häuser. 125 Jahre Sächsisches Krankenhaus Rodewisch« gibt trotz einiger Unschärfen einen differenzierten Einblick in die Geschichte der Psychiatrie in Rodewisch, wozu auch die durchdachte grafische Gestaltung beiträgt.
Thomas Müller
Das Buch kostet 25,- € und ist bestellbar über: Maria Rank, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Tel.: 03744/366-1108, E-Mail: 125jahre@skhro.sms.sachsen.de

7. Ihre Unterstützung

Für die Finanzierung unserer Arbeit sind wir auf Drittmittel angewiesen. Dabei hilft uns jede Spende. Auf Wunsch stellen wir Ihnen gern eine Spendenquittung aus.

Spendenkonto:
Konto-Nr.: 3 52 14 07
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BLZ: 860 205 00
Bank für Sozialwirtschaft
Stichwort: Psychiatriemuseum

8. Abonnement und Kontakt

Um den Newsletter abzubestellen oder mit uns Kontakt aufzunehmen, schicken Sie uns bitte eine Mai an:

9.Impressum

Herausgeber:Sächsisches Psychiatriemuseum
des Vereins Durchblick e.V.
Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Thomas R. Müller
Redaktionsschluss: 19. Dezember 2018

www.psychiatriemuseum.de
www.durchblick-ev.de

© Sächsisches Psychiatriemuseum Mainzer Straße 7  04109 Leipzig

 

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